Zocken bis die Kanzlerin kommt: PC- und Online-Spiele zum Thema Politik

19. Juni 2010


PC-Spiele "Demokratie", "Politik Simulator", "Genius - Im Zentrum der Macht", "SuperPower", "SuperPower2" & "SimCity Societies"

Politik hat schon manchmal etwas von einem Spiel: Da wird gemauschelt und betrogen, mit (fast) allen Mitteln für ein Ziel gekämpft und oft heißt es am Ende nicht “der Beste gewinnt”, sondern “Dabeisein ist alles”. Sogar die Wissenschaft hat sich mit dieser Metapher auseinandergesetzt und festgestellt, dass tatsächliche viele politischen Entscheidungen “spielerisch” zustande kommen. Da liegt es dann doch nahe, das ganze auch als wirkliches “Spiel” umzusetzen. Natürlich müssen dabei aber einige Abstriche gemacht werden, denn wer schon einmal an einer sechsstündigen Haushaltsdebatte in einer niederbayerischen Kleinstadt teilgenommen hat, weiß: Politik kann auch ziemlich öde sein.

Am Computersspielmarkt gibt es deshalb wohl nur eine überschaubare Anzahl von Spielen, die einen Schwerpunkt auf “Gesellschaft & Politik” haben. Bewusst wurden an dieser Stelle reine Gesellschaftsspiele (z.B. Die Sims), Wirtschaftssimulationen (z.B. Siedler) oder Kriegssimulationen (z.B. Supreme Ruler 2020) ausgeblendet. Übrig blieben die nachfolgend dargestellten.

1. PC-Spiele

Den Inhalt von “Demokratie “, so Hersteller FIP Publishing GmbH, macht den Spieler zum Präsidenten oder Premierminister eines modernen Staates, der nach einem einfachen demokratischen System regiert wird. Man braucht über 50 Prozent der Stimmen bei jeder Wahl, um im Amt zu bleiben. Ziel des Spiels ist es, so lange wie möglich im Amt zu bleiben – es gibt keine Beschränkung der möglichen Amtszeiten.” Das hört sich doch ganz nach dem Traumspiel vieler Politiker an. Das Spiel kostet ca. 8 Euro.

Der Politiksimulator von  Soulfood Music Distribution ist “ein spannendes, wirtschaftliches und geopolitisches Simulationsspiel mit hochaktuellen und realen Hintergrundstatistiken. Der Spieler schlüpft in die Rolle des Staats- oder Regierungschefs (Präsident, Monarch, Premierminister o.ä.) eines beliebigen derzeit in der UN Charta geführten Landes, und kann in den folgenden Bereichen handeln: Wirtschaft, soziale Angelegenheiten, Militär, Innen- und Außenministerium, Ökologie, Kultur etc. Jedes Land der Welt ist mit allen Eigenheiten und Parametern vorhanden – insgesamt mehr als 400 Daten und Fakten pro Land. Der Spieler wählt aus mehr als 1000 verschiedenen Handlungsmöglichkeiten: Gesetze, Steuern, wirtschaftliche Verträge , Meetings, militärische Operationen, Geheimdienste, Bauvorhaben, Regierungsänderungen und vieles mehr.” Das hört sich sehr komplex an und scheint an eine echte Simulation politischer Vorgänge sehr nahe ran zukommen. Das hat auch Herbert Aichinger von der Süddeutschen Zeitung zu einem Test veranlasst. Sein Fazit: “Der “Politik Simulator” ist nichts für Gelegenheitszocker, die zwischendurch mal ein bisschen Merkel, Putin oder Bush spielen wollen. Dazu ist das Programm zu sehr auf die ernsthafte Auseinandersetzung mit politischen Zusammenhängen ausgelegt und weniger auf den Unterhaltungsaspekt.” Das Spiel kostet ca. 38 Euro

Das Spiel “Im Zentrum der Macht” aus der Lernedition “Genius” (Cornelsen Verlag) ist zwar nicht so komplex wie der eben vorgestellte Politiksimulator, trotzdem ist er mehr politische Bildung als Polit-Action: “Ein politisches Talent tritt an, um Bürgermeister einer kleinen Gemeinde zu werden. Der Spieler muss lebenspraktische Fragestellungen mit den Spielregeln des Rechtsstaates und der politischen Grundordnung verknüpfen und die Verkehrs-, Wirtschafts, Bildungs- und Familienpolitik gestalten. Schafft es der Spieler, die Bedürfnisse der Bürger durch seine gute Politik zu befriedigen, so gewinnt er die Wahlen und kann zum Ministerpräsidenten eines Landes und schließlich zum Bundeskanzler aufsteigen.” Das Spiel eignet sich vor alle für jüngere Jugendliche, die erlebnisorientiert einen ersten Einblick in das Themenfeld “Politik” bekommen wollen. Es kostet ca. 20 Euro

SuperPower (DreamCatcher Games) und der Nachfolger SuperPower 2 (Flashpoint) basieren auf Originaldaten von CIA, US-Militär und Vereinte Nationen – was ein sehr realistisches Basisszenario ergibt – und sind eher Aufbausimulationen mit militärischem Anstrich. Trotzdem geht es nicht einfach darum, andere Länder zu überfallen oder in den wirtschaftlichen Ruin zu treiben, auch der politische Dimension wurde hier breiter Raum eingeräumt: “Bauen Sie Ihr Land auf und vergrößern dessen Einfluss in der Welt, während Sie gegen eine hoch entwickelte KI antreten. Auf Ihrem Weg an die Spitze können Sie wirtschaftliche Sanktionen verhängen, Bündnisse eingehen und militärisch gegen Gegner vorgehen. Sie können die Handlungen jeder Nation genau bestimmen, von der Gestaltung oder dem Bruch von Verträgen bis hin zu strategischen Entscheidungen bei militärischen Konflikten.” Von den bisher vorgestellten Spielen sind die SuperPower-Spiele sicherlich die, die am wenigsten mit realer Politik und mehr mit Action zu tun haben. Die Spiele kosten 2 Euro (alte Version) bzw. 15 Euro (neue Version).

SimCity Societies – aus der bekannten SimCity-Reihe – ist ein kleiner Ausreißer in der Liste der politischen PC-Spiele. Der Publisher Electronic Arts GmbH beschreibt es als das “vielseitigste Städtebauspiel aller Zeiten”, was auch schon den Schwerpunkt des Spiels, die Aufbausimulation verdeutlicht. Dennoch, geht es bei dem Programm nicht nur darum, “mithilfe einer Vielzahl neuer, revolutionärer Features Städte nach eigenen Vorstellungen” zu erbauen. Zusätzlich zu dem, was man aus dem klassischen SimCity kennt, kann der Spieler eigene Kulturen, sozialen Strukturen und Umgebungen” gestalten: ”Erschaffe eine Stadt der Kunst, einen Orwellschen Staat, eine futuristische Metropole, eine “grüne Oase”, eine spirituelle Gemeinschaft oder welche Gesellschaft auch immer du dir wünschst. ” Somit ist SimCity Societies zwar kein richtig politisches Spiel, aber auch keine reine Aufbausimulation – es liegt wohl irgendwo dazwischen und macht vor allem wegen seiner Grafik enormen Spaß. Das Spiel kostet ca. 10 Euro.

Nicht nur Häuser und Straßen bauen, sondern auch mal einen Rummelplatz: SimCity Societies | (c) Electronic Arts GmbH

Nicht nur Häuser und Straßen bauen, sondern auch mal einen Rummelplatz: SimCity Societies | (c) Electronic Arts GmbH

Diese Politik-Spiele werden sicherlich nie Platz 1 der PC-Games-Verkaufscharts erreichen, aber sie zeigen, dass der Computerspiele-Markt nicht nur gewaltreiche Actionspiele oder todlangweilige Ponyhof-Simulationen zu bieten hat. Sollte ich hier ein Spiel total übersehen haben, freue ich mich natürlich über einen Hinweis in den Kommentaren.

2. Online-Spiele

2.1 Spiele

Last Exit Flucht (UNHCR), Screenshot

Last Exit Flucht (UNHCR), Screenshot

Als erstes Spiel ist an dieser Stelle ist sicherlich “Last Exit Flucht” vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) zu nennen. Das Spiel wurde mit dem Multimedia- und E-Business-Staatspreis 2006 ausgezeichnet und verfügt neben dem Spielinhalt auch über eine spezielle Webseite für Lehrer sowie über eine gute Fakten-Webseite über Flüchtlinge und Flucht. Bei dem Spiel geht es nicht ums Regieren, sondern man schlüpft in die Rolle eines Flüchtlings und versucht, sicher ans Ziel zu kommen. Gar nicht so einfach, denn in den drei Kapiteln “Krieg & Konflikt (Auf der Flucht vor Verfolgung)”, “Grenzland (Kann ich hier bleiben?)” und “Ein neues Leben (Verlust & Herausforderung)” erlebt der Spieler, womit jeder Flüchtling konfrontiert ist. Ein spannendes, lehrreiches, gut aufgemachtes und – trotz des schwierigen Themas – unterhaltendes Spiel.

ars regendi, Screenshot

ars regendi, Screenshot

Ein großes Politik-Online-Spiel ist ars regendi, bei dem es darum geht, die Macht über ein Land zu übernehmen. Man trifft Entscheidungen, schließt Allianzen, kümmert sich um das Volk und überwacht den Haushalt: “Ars Regendi stellt den Anspruch, eine äußerst komplexe und realistische Wirtschaftssimulation zu sein, bei der Sie ihre politischen und ökonomischen Fähigkeiten im Wettbewerb mit anderen Herrschern auf die Probe stellen. Und bei Scheitern Ihr Zepter abgeben müssen…” Das Zitat sagt es schon: Es handelt sich bei ars regendi um ein Multiplayer-Online-Spiel, bei dem man auch gegen andere “Herrscher” antritt. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es bei dem ansonsten kostenlosen Spiel: Wer Bündnisse gründen, den Haushalt vernünftig verwalten und eigene Flaggen verwenden will muss für einen kleinen Obulus (2,99 Euro / Monat) das Spiel upgraden.

Power Of Politics, Screenshot

Power Of Politics, Screenshot

Das dritte politische Online-Spiel ist das relativ bekannte Power of Politics. Das Spiel hat 2006 den Galaxy Award als Browserspiel des Jahres gewonnen und ist eine höchst interessante, dabei aber relativ einfach zu bedienende Politiksimulation. Dabei ist Power of Politics nicht auf Weltherrschaft oder Phantasiestaaten ausgerichtet, sondern orientiert sich an deutschen, österreichischen oder schweizer Verhältnissen. Ausführliche, übersichtliche Infos zum Spiel gibt auf der Webseite inkl. einiger Screenshot, die einen guten Eindruck vermitteln. Das Multiplayer-Spiel, das nach eigenen Angaben rund 30.000 Nutzer verzeichnet, schickt den Spieler auf Wahlkampftour, in das eigene Büro und natürlich in einen Bezirk bzw. Wahlkreis. Ziel bei der realistischsten aller bisher getesteten Politiksimulationen ist, eine hohe Popularität zu erreichen. Dass sich Macht hier als Produkt von vernünftiger Politik mit guter Medienarbeit (man kann sogar eigene Pressekonferenzen geben!) präsentiert, unterstreicht m.E. nur die Realitätsnähe.

2.2 Spielchen

Es gibt eine Reihe von Online-Spielen, die man – im Vergleich zu den gerade beschriebenen Online-Spielen – eigentlich nicht als solche bezeichnen kann: Es sind eher Spielchen.

Europa-Puzzle der bpb, Screenshot

Europa-Puzzle der bpb, Screenshot

Dennoch könnten Sie für ihren Zweck gut sein:

Leider gibt es bei diesen – ausschließlich von staatlichen Stellen – angebotenen Online-Spielen einiges zu kritisieren. So beschränkt sich die Kreativität der Staats-Spielchen auf das Genre “Quiz”, welche in etwa so spannend aufbereitet sind, wie eine Mathematikstunde zum Thema “Binomische Formeln”; das trotzdem tröge Europa-Puzzle der bpb ist hier noch das Highlight. Herauszuheben ist übrigens, dass sich die Bundesregierung (vermutlich für viel Geld) gleich zwei schlechte Europa-Quiz programmieren ließ.
Den Vogel schießt mit Sicherheit das Grundrechte-Jogging der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg ab: Nicht nur die Spielidee – nämlich die Zuordnung der Nummer von Grundgesetz-Artikeln zu Einzelbegriffen – ist total daneben, auch der irre Sound, der nach dem Spielstart erklingt. Das Spiel ist also höchstens etwas für eh schon taube Sozialkundelehrer für die einmalige Verwendung zum Thema “Grundgesetz”. Leider wird es auch diese Zielgruppe in den Wahnsinn treiben, da die Spielsteuerung alles andere als intuitiv ist.
Nicht viel Besser ist übrigens das Quiz “Europa in bester Verfassung”, das vom Verein “Bürger Europas” angeboten wird. Auch hier wird die eigentlich gute Grafikidee durch Sound aus einem Synthi-Horrorkabinett gekillt. Wer dennoch weiterspielt und vielleicht sogar gewinnt, stellt fest, dass er bis zum 30.04.2005 sogar etwas gewinnen konnte. Warum gut fünf Jahre nach Ende die Preise immer noch beworben werden, ist schleierhaft.

Grundrechte-Jogging der lpb, Screenshot

Grundrechte-Jogging der lpb, Screenshot

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