Politikkongress wurde “gebuchholzt”: Überfall-Keynote des G+J-Chefs mit Leistungsschutzrecht-Forderung

27. November 2009

Politikkongress 2009

Es gibt Veranstaltungen, die an das Sprichwort “Das Gegenteil von gut ist gut gemeint” erinnern. Und lange habe ich mir überlegt, ob diese Worte auf den Politikkongress (#pk09) zutreffen könnten. Von einem Kongress erwarte ich mir nämlich Diskussionen zu aktuellen und zukunftsweisenden Themen sowie fachliche, inhaltliche Dispute. Der Politikkongress 2009 aber wartete mit einer Reihe von Panels, Workshops und dergleichen auf, die inhaltlich auch 2007 hätten stattfinden können. Eine Keynote von Gruner + Jahr-Vorstand Dr. Bernd Buchholz schoss den Vogel ab.

 

Der Politikkongress war manchmal mit einem PR-Proseminar vergleichbar. So hat zum Beispiel Jan Schmidt erklärt, was Twitter ist und Thorsten Hofmann hat in einer für Berufsanfänger geeigneten Weise das Thema Krisenmanagement eingeführt. Das ist gut und hat sicherlich einigen Teilnehmer/-innen weitergeholfen. Von einem Kongress, der aber einen nicht zu verachtenden Teilnehmerbeitrag kostet, erwarte ich etwas anderes. Der Politikkongress hat als Zielgruppe alles, was sich im Umfeld von Politik, Public Affairs und Lobbyarbeit tummelt. Hier gibt es wirklich spannende Themen und einige Referenten wie Robert Heinrich von Bündnis 90/Die Grünen oder Jörg Waldeck von Volkswagen bemühten sich redlich, das Niveau zu heben. Es war also nicht alles schlecht, aber vergeblich.

 

Denn am zweiten Veranstaltungstag hat Dr. Bernd Buchholz, Vorstandsvorsitzender des Verlags Gruner + Jahr in einer katastrophalen Keynote den Dreisatz aufgestellt: Journalismus braucht Qualität, Qualität hat ihren Preis, der Preis muss über ein Leistungsschutzrecht für Verlage gewährleistet werden. Einmal ganz davon abgesehen, dass ich ein Leistungsschutzrecht kritisch sehe und die Rhetorik des G+J-Chefs in einer unangenehmen Weise irgendwo zwischen Scientology-Priester und Staubsauger-Verkäufer angesiedelt ist. Er bemühte sich nicht einmal um eine thematische Einführung oder Aufklärung, was dieses von verschiedenen Verlegern geforderte ominöse Leistungsschutzrecht in Deutschland überhaupt genau sein solle. Grandios bewies Bernd Buchholz, dass journalistische Qualität mit rückwärtsgewandtem Verlegertum nicht zusammen geht: Er unterschlug komplett die durchaus differenzierte Diskussion zu diesem Thema und verwandte die Redezeit darauf, sein Weltbild zu zeichnen, in dem das Leistungsschutzrecht als anscheinend logische, ja im europäischen Kontext gar zwingende Folge des Medienwandels unabdingbar sei.

 

Um es ganz klar zu sagen: Nicht das Thema Leistungsschutzrecht stört mich, sondern dass ich dafür gezahlt habe, mir die Propaganda eines Verlegers anhören zu dürfen. Die Teilnehmer – oft keine Journalisten oder Medienleute – wurden nämlich regelrecht Überfallen von der Agitation, die sich hinter dem Veranstaltungstitel “Medien im Wandel – Ende des Qualitätsjournalismus?” versteckte. Es hätte der Keynote gut getan, hätte zumindest anschließend eine kurze Diskussion stattfinden können. Schließlich handelte es sich ja nicht um eine G+J-Werbeveranstaltung, sondern um einen Kongress mit zumindest basalem Bildungsanspruch. Aber anscheinend sollte die Keynote durch die völlige Abwesenheit von Empathie und Informationen ein anschauliches Negativbeispiel für Lobbying sein. Insofern hat sich der Teilnehmerbeitrag dann doch gelohnt.

 

Insgesamt muss ich festhalten, dass der Politikkongress eine nette Veranstaltung ist, die inhaltlich ruhig kräftig überarbeitet werden darf, damit aus gut gemeint gut wird. Die Buchholz-Keynote war aber nicht einmal gut gemeint, sonder plump und ignorant. Das schadete nicht nur Buchholz und seinem Verlag, sondern auch dem Veranstalter Helios-Media: Wenn ich als Teilnehmer instrumentalisiert und für dumm verkauft werde, überlege ich mir sehr gut, ob ich noch ein weiteres Mal beim Politikkongress dabei sein möchte.

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