“Ich will doch nur spielen…”: Gute Politik-Online-Spiele & schlechte Staats-Spielchen

2. Februar 2009

Vor kurzem habe ich an dieser Stelle “politische PC-Spiele” vorgestellt. Da dieser Artikel viel Interesse und Rückfragen ausgelöst hat, gibt es nun den zweiten Teil der Serie “Ich will doch nur spielen…”, der politische Online-Spiele zum Gegenstand hat. Nachfolgend möchte ich das ganze in zwei Kategorien einteilen: Spiele und Spielchen.

1. Spiele

Last Exit Flucht (UNHCR), Screenshot | cc:by-nd Bastian Dietz

Last Exit Flucht (UNHCR), Screenshot | cc:by-nd Bastian Dietz

Als erstes Spiel ist an dieser Stelle ist sicherlich “Last Exit Flucht” vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) zu nennen. Das Spiel wurde mit dem Multimedia- und E-Business-Staatspreis 2006 ausgezeichnet und verfügt neben dem Spielinhalt auch über eine spezielle Webseite für Lehrer sowie über eine gute Fakten-Webseite über Flüchtlinge und Flucht. Bei dem Spiel geht es nicht ums Regieren, sondern man schlüpft in die Rolle eines Flüchtlings und versucht, sicher ans Ziel zu kommen. Gar nicht so einfach, denn in den drei Kapiteln “Krieg & Konflikt (Auf der Flucht vor Verfolgung)”, “Grenzland (Kann ich hier bleiben?)” und “Ein neues Leben (Verlust & Herausforderung)” erlebt der Spieler, womit jeder Flüchtling konfrontiert ist. Ein spannendes, lehrreiches, gut aufgemachtes und – trotz des schwierigen Themas – unterhaltendes Spiel.

ars regendi, Screenshot | cc:by-nd Bastian Dietz

ars regendi, Screenshot | cc:by-nd Bastian Dietz

Ein großes Politik-Online-Spiel ist ars regendi, bei dem es darum geht, die Macht über ein Land zu übernehmen. Man trifft Entscheidungen, schließt Allianzen, kümmert sich um das Volk und überwacht den Haushalt: “Ars Regendi stellt den Anspruch, eine äußerst komplexe und realistische Wirtschaftssimulation zu sein, bei der Sie ihre politischen und ökonomischen Fähigkeiten im Wettbewerb mit anderen Herrschern auf die Probe stellen. Und bei Scheitern Ihr Zepter abgeben müssen…” Das Zitat sagt es schon: Es handelt sich bei ars regendi um ein Multiplayer-Online-Spiel, bei dem man auch gegen andere “Herrscher” antritt. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es bei dem ansonsten kostenlosen Spiel: Wer Bündnisse gründen, den Haushalt vernünftig verwalten und eigene Flaggen verwenden will muss für einen kleinen Obulus (2,99 Euro / Monat) das Spiel upgraden.

Power Of Politics, Screenshot | cc:by-nd Bastian Dietz

Power Of Politics, Screenshot | cc:by-nd Bastian Dietz

Das dritte politische Online-Spiel ist das relativ bekannte Power of Politics. Das Spiel hat 2006 den Galaxy Award als Browserspiel des Jahres gewonnen und ist eine höchst interessante, dabei aber relativ einfach zu bedienende Politiksimulation. Dabei ist Power of Politics nicht auf Weltherrschaft oder Phantasiestaaten ausgerichtet, sondern orientiert sich an deutschen, österreichischen oder schweizer Verhältnissen. Ausführliche, übersichtliche Infos zum Spiel gibt auf der Webseite inkl. einiger Screenshot, die einen guten Eindruck vermitteln. Das Multiplayer-Spiel, das nach eigenen Angaben rund 30.000 Nutzer verzeichnet, schickt den Spieler auf Wahlkampftour, in das eigene Büro und natürlich in einen Bezirk bzw. Wahlkreis. Ziel bei der realistischsten aller bisher getesteten Politiksimulationen ist, eine hohe Popularität zu erreichen. Dass sich Macht hier als Produkt von vernünftiger Politik mit guter Medienarbeit (man kann sogar eigene Pressekonferenzen geben!) präsentiert, unterstreicht m.E. nur die Realitätsnähe.


2. Spielchen

Es gibt eine Reihe von Online-Spielen, die man – im Vergleich zu den gerade beschriebenen Online-Spielen – eigentlich nicht als solche bezeichnen kann: Es sind eher Spielchen.

Europa-Puzzle der bpb, Screenshot | cc:by-nd Bastian Dietz

Europa-Puzzle der bpb, Screenshot | cc:by-nd Bastian Dietz

Dennoch könnten Sie für ihren Zweck gut sein:

Leider gibt es bei diesen – ausschließlich von staatlichen Stellen – angebotenen Online-Spielen einiges zu kritisieren. So beschränkt sich die Kreativität der Staats-Spielchen auf das Genre “Quiz”, welche in etwa so spannend aufbereitet sind, wie eine Mathematikstunde zum Thema “Binomische Formeln”; das trotzdem tröge Europa-Puzzle der bpb ist hier noch das Highlight. Herauszuheben ist übrigens, dass sich die Bundesregierung (vermutlich für viel Geld) gleich zwei schlechte Europa-Quiz programmieren ließ.
Den Vogel schießt mit Sicherheit das Grundrechte-Jogging der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg ab: Nicht nur die Spielidee – nämlich die Zuordnung der Nummer von Grundgesetz-Artikeln zu Einzelbegriffen – ist total daneben, auch der irre Sound, der nach dem Spielstart erklingt. Das Spiel ist also höchstens etwas für eh schon taube Sozialkundelehrer für die einmalige Verwendung zum Thema “Grundgesetz”. Leider wird es auch diese Zielgruppe in den Wahnsinn treiben, da die Spielsteuerung alles andere als intuitiv ist.
Nicht viel Besser ist übrigens das Quiz “Europa in bester Verfassung”, das vom Verein “Bürger Europas” angeboten wird. Auch hier wird die eigentlich gute Grafikidee durch Sound aus einem Synthi-Horrorkabinett gekillt. Wer dennoch weiterspielt und vielleicht sogar gewinnt, stellt fest, dass er bis zum 30.04.2005 sogar etwas gewinnen konnte. Warum gut vier Jahre nach Ende die Preise immer noch beworben werden, ist schleierhaft. Vermutlich ist das Quiz einen ebenso qualvollen Tod gestorben wie die Europäische Verfassung.

Grundrechte-Jogging der lpb, Screenshot | cc:by-nd Bastian Dietz

Grundrechte-Jogging der lpb, Screenshot | cc:by-nd Bastian Dietz


Fazit

Alles in allem muss ich sagen, dass es nur einige wenige gute Online-Spiele zum Thema Politik gibt. Mir persönlich hat Power of Politics am besten gefallen. Hier darf man sich vom Namen nicht über die tatsächliche Qualität täuschen lassen.
Alles was staatliche Stellen bisher produziert haben, ist gelinde gesagt Mist. Mit Puzzles und Quiz kann man heute vielleicht noch Sozialkundestunden interessanter machen, wenn aber die Inhalte schon viele Jahre alt sind, hört der Spaß – sollte er je dagewesen sein – auch auf.

Ich hoffe nur, dass die Landeszentralen und die Bundeszentrale für politische Bildung im Jahr 2009 endlich in sich gehen, das Internet als Medium erkennen, mit dem sie ihre wichtigste Zielgruppe (nämlich Jugendliche) erreichen und anfangen, ein gutes gemeinsames Angebot zu entwickeln. Alternativ könnten sie es auch bleiben lassen und die Steuergelder für tatsächlich wichtige Dinge wie den Wahl-o-mat verwenden. Danach schaut es übrigens nicht aus, wenn man das Interview mit bpb-Chef Thomas Krüger auf politik.de ansieht: Viel Print, ein wenig Online (vermutlich wieder ein Quiz!) und ein kleines peer-education-Projekt. Schade.


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