Bücherverbrennung 2.0: Die Winnenden-Rhetorik des Ausmerzens

15. Oktober 2009

Teil des Plakats des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden

Teil des Plakats des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden

Es gehört zu den zentralen Sujets der Science Fiction und Fantasy Literatur: Die Guten haben in der Absicht Gutes zu tun einen Fehler gemacht und werden dafür zur Rechenschaft gezogen. Doch anstelle einer fairen Verhandlung läuft von Anfang an alles auf eine Verurteilung hinaus, weil die Ankläger unzugänglich für Sachargumente sind. In der Auflösung des Plots stellt sich heraus, dass unter den Anklägern selbst Betroffene sind und aus Rache oder zumindest aus verletzten Gefühlen handeln. Am Ende haben alle miteinander geredet, die Guten sind freigesprochen und die “bösen” Ankläger haben ein Einsehen und können ihr Trauma am Ende ebenefalls verarbeiten. Win win.

In der Realität jedoch darf man nicht darauf hoffen, dass Ankläger so leicht über den Schatten ihrer selbst springen können. Zu leicht ist es für Menschen, die Opfer und Zeugen traumatischer Ereignisse wurden, Sündenböcke zu identifizieren, sich in Schwarz-Weiß-Malerei zu üben und sich auf einen Kreuzzug gegen das vermeintlich Böse zu begeben. Eben solches passiert in diesen Tagen in Winnenden, wo sich das Aktionsbündnis der Amoklauf-Eltern gemeinsam mit Therapeuten wieder einmal gegen so genannte Killerspiele stark macht. Diesmal mit einer ebenso öffentlichkeitswirksamen wie erschreckenden Aktion: Killerspiele sollen öffentlich in einem Container entsorgt werden.

Diese Aktion erinnert an die Bücherverbrennung im Mai 1933. Alles, was der eigenen Weltsicht widersprach, wurde nicht nur vernichtet, sondern sogar öffentlich verbrannt. Es sollte gezeigt werden, dass “undeutsche” Medien keinen Platz in der nazi-deutschen Kultur haben durften. Ähnliche Denkstrukturen finden sich heute in Winnenden, wo auch ein einzelner Vorfall den Anstoss bot, gegen das zu Agitieren, was man nicht versteht. Und genau hier fängt die wahre Tragik an.

Bücherverbrennung am 11. Mai 1933 | Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Bild 102-14597, Dieses Bild ist lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland

Bücherverbrennung am 11. Mai 1933 | Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Bild 102-14597, Dieses Bild ist lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland

Ich möchte hier die geschichtlichen Parallelen und Anleihen ebensowenig überstrapazieren, wie ich nochmal darauf eingehe, dass es keine Killerspiele gibt (siehe dazu hier und hier). Lieber möchte ich auf drei aktuelle TAZ-Artikel hinweisen, die eine positivere Richtung aufzeigen. Der erste Artikel beschäftigt sich mit einer Petition, in der sich 45.000 Menschen gegen ein “Killerspiel”-Verbot aussprechen. Der zweite Artikel zeigt auf, dass der Amokläufer von Ansbach – wie die Mehrheit aller Amokläufer – keinerlei gewaltbeinhaltenden Computerspiele besaß, sondern seine Gedanken als Texte niederschrieb. Der letzte Artikel, der online “Gewalt ist Teil unserer Kultur” heißt, wurde von Carsten Göhrig geschrieben und am 01.10.2009 unter dem Titel “Begreife die Mechanik” veröffentlicht. Er beschreibt die Tagung “Mörderische Spiele?” in Erfurt, in deren Rahmen sich Gegner und Freunde von Computerspielen näher kamen. Highlight des ausgewogenen Artikels ist das Schlusszitat von Klaus Peter Jantke, Leiter der Forschungsgruppe Kindermedien beim Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie in Erfurt:

“Spiele können der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Über diesen Tropfen können wir gerne reden, doch zuerst sollten wir über das Fass sprechen.”

Das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden beschränkt sich indess auf den Tropfen. Warum soll man sich den wahren Problemen stellen, wenn man auch – unterstützt durch Therapeuten – eine Stellvertreter-Diskussion führen kann? Deutlich wird dies auf der Unterschriftsliste des Aktionsbündnisses gegen Killerspiele, wo allen Ernstes steht:

Mit meiner Unterschrift bestätige ich, dass ich die Forderung „Verbot von Killerspielen, die dazu dienen, Menschen zu ermorden“ in vollem Umfang unterstütze.

Das einzige Spiel, dass ich kenne, welches dazu dient, Menschen zu ermorden, ist Russisches Roulette. Die Aktionsbündnis-Rhetorik zeigt aber: Es geht nicht um Dialog, sondern um Vernichtung, Ausmerzen, Bekämpfung. Ganz öffentlich. Doch auch subtilere Wege sind geplant: Eine kirchliche Stiftung soll mit Spendengeldern gegründet werden, die Sozialarbeiter finanzieren, eine Online-Hotline einrichten und Lehrer in Seminaren weiterbilden möchte. Welchen Geistes diese Hotline und die Lehrerseminare sein werden und welchen besonderen Auftrag die Sozialarbeiter haben werden, darf man befürchten. Vielleicht werden bald mit den Schülern von Winnenden öffentliche Computerspiel-Verbrennungen durchgeführt wie vor 60 Jahren mit den Münchner Studenten.

Bleibt zu hoffen, dass sich in Stuttgart Menschen finden, die gegen diese “Hexenjagd” demonstrieren.


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